Buch des Monats

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Ich mag es nicht, wenn mir als Leser vorab erklärt wird, wie ich ein Buch zu verstehen habe. Bei Johannes Heil ist das anders. Und es fällt mir schwer zu sagen, warum ich die vollmundige Ansage hier hinnehme. Vermutlich, weil sie gar nicht vollmundig ist, sondern mir nur so erscheint.

In einem der ersten Gedichte steht: «Dieses Buch ist ein Spiegel. / Und du wirst nur das sehen, / was du zu sehen bereit bist». Das könnte blosse Behauptung sein. Oder bedeutende Einsicht. Eine mystische Kunst der Verknappung und des Erwachens. Wofür ich im Verlaufe der Jahrzehnte ein Musikgehör entwickelt habe, wie ich beim Lesen dieser Gedichte mit Freude feststelle.

«Die Öffnung» (Chalice, Xanten 2026) besteht aus 3 Kreisen von 43 Gedichten, die sich über je eine Seite erstrecken. Egal wo ich es aufschlage, spricht mich dieses Werk direkt und unvermittelt an. Die Lektüre gibt mir nicht unbedingt zu denken, vielmehr bewirkt sie eine Bewegung hin zur Offenheit für das, was hinter den Worten steht. Das ist bemerkenswert, vor allem auch, weil ich bei weitem nicht der einzige Leser bin, dem es mit diesem Buch so ergeht.

A propos Musikgehör: Johannes Heil hat sich zuvor als Künstler einen Namen gemacht im Bereich der elektronischen Musik. Die Worte zu einem Werk wie diesem seien ihm später zugeflossen. Dass die Musik hier als ordnende Struktur eine Rolle spielt, verrät die Folge der Kapitel und die Gliederung der Gedichte zu kleinen Untergruppen, die quer durchs Werk hüpfen. Kreativ, das einzigartige Buch des Musikproduzenten Rick Rubin, kommt mir den Sinn. Möge «Die Öffnung» ebenso viele Menschen erfreuen! (Rez: Martin Frischknecht)

Eine Biografie wie «Cycle Breaker» (Scorpio, München 2025) von Marina Mantay macht Mut. Die in Moskau geborene Russin entfloh häuslicher Gewalt, verliess die Heimat und begann einen Weg voller Hürden und traumatischen Erfahrungen, um am Ende zu sich selbst zu finden. Mitreissend geschrieben, lässt sie mit ihrem Buch daran teilhaben, dass es ihr trotz eines schwierigen Starts ins Leben möglich war, innerlich und äusserlich frei zu werden. Heute arbeitet sie als Europabeauftragte in Berlin, ist zertifizierter Coach mit Schwerpunkt Traumatherapie. Ihre besondere Biografie macht deutlich, dass es sich lohnt, einmal mehr aufzustehen als liegen zu bleiben. (Rezension: Doris Iding)

Chili oder Chillen? Irgendwie geht heute beides recht locker zusammen, und man braucht sich nicht wirklich zu entscheiden, auch nicht zwischen Schrebergarten oder Schwitzhütte. In dieser entspannten Beliebigkeit lebt es sich in der Regel ja nicht schlecht, und doch gibt es eine stets wachsende Zahl von Angeboten zur Steigerung von Wellness, Mental Health und psychischer Stabilität. «Wo klemmt es denn nur?», fragt sich Thomas C. Breuer in seinem Buch «Gesünder kränkeln» (Carl-Auer, Heidelberg 2025) und nimmt die angesagten Trends der Szene unter die Lupe. Der deutsche Kabarettist spielt mit der Sprache der Verheissungen; er betreibt Bewusstseinserheitung unter 72 Stichworten von «Achtsam anfangen» bis «Zen». (Rezension: MF)

Adam Fletcher bemüht sich mit seiner Partnerin darum, Eltern zu werden, und dabei durchläuft das Paar Höhen und Tiefen der Reproduktionsmedizin. Doch das ist bloss die Rahmenhandlung für die wilden zehn Tage, die auf Adam zukommen und von denen der britisch-deutsche Sachbuchautor in seinem autobiografischen Bericht «In der Ruhe liegt der Wahnsinn» (C. H. Beck, München 2025) so eindringlich wie unterhaltsam erzählt. Evelyn hat den künftigen Familienvater ohne dessen Wissen zu einem Meditationsretreat angemeldet und empfängt ihn zu Hause mit gepackter Reisetasche: «Ab mit dir zu zehn Tagen Schweigen und Innenschau!» Völlig unvorbereitet schickt sich der Gute ins Abenteuer und quält sich durch – weitgehend selbst gemachte – Höllen. Ab dem sechsten Tag folgen dann endlich Lichtschimmer von Einsicht und Erleichterung: «Überall glitzerten Empfindungen wie Sterne, die den Nachthimmel meines Bewusstseins erhellten.» (Rez: MF)

Auch ihr neues Buch «Grünkraft» würzt die Bestseller-«Köchin» Daniela Schwegler gekonnt mit interessanten Porträts im 1:1-Stil, mit «gluschtigen» Geheimrezepten der beschriebenen Kräuterleute, stimmungsvollen Fotos von Gerry Amstutz sowie starken künstlerischen Illustrationen von Trix Barmettler – stets mit gutem Händchen für die richtigen «Zutaten». In diesem Band lässt sie 13 hochkarätige, teils bereits bekannte, teils im Stillen wirkende Kräuterleute zu Worte kommen, die über ihren sehr persönlichen Zugang zu den Heilpflanzen erzählen, vor allem aber darüber, wie die Grünen ihr Herz erobert und ihr Leben bereichert haben. Einmal mehr zeigt sich, auf wie vielen Ebenen Pflanzen uns ansprechen, berühren und heilen können. In süffiger Sprache übermittelt die Autorin feine Stimmungen, Pflanzenwissen, vor allem aber auch einfach pure Freude und Genuss. Eine sinnliche Einladung, die dazu inspiriert, inmitten des Kreises der «Grünen» aufzubrechen, um mit diesem grossen Geschenk da draussen auch sich selber zu entdecken und dadurch zu den eigenen Wurzeln zu finden. (Rezension: Eva Rosenfelder)

Die Professorin für Psychiatrie und Suchtmedizin an der Stanford University, Anna Lembke, benennt, was weit verbreitet ist: Wir sind zu Dopamin-Junkies geworden. Die permanente Reizüberflutung durch soziale Medien, Shoppen, Sex, der ständige Griff zum Handy führen zur Abhängigkeit. Anhand zahlreicher Beispiele macht die Autorin in ihrem Buch «Die Dopamin-Nation» (Unimedica, Kandern 2023) deutlich, dass die Vielfalt an Süchten sehr gross ist und zu extremen Leidensgeschichten führen kann. Zum Glück gibt es einen Weg aus der Suchtfalle, und zwar einen, der wieder einmal deutlich macht, dass wahre Erfüllung nur in uns selbst zu finden ist. Ein hilfreiches Buch mit der Einsicht, dass wir mit unseren Sehnsüchten nicht alleine sind. (Rez: Doris Iding)

Marion Küstenmacher gehört inzwischen zu den meistgelesenen spirituellen Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Sie deckt zwischen ihrem theologischen Grundlagenwerk «Integrales Christentum» und dem sehr persönlichen «Mein fliegender Teppich des Geistes – Wie sich aus Kindheitserfahrungen eine lebendige Spiritualität weben lässt» ein breites Spektrum ab. Aus ihrem riesigen Fundus ist auch ihr neues Buch «Aufbruch ins Licht» (Kösel Verlag, München 2023) geschöpft, das im Hinblick auf die Advents- und Weihnachtszeit erschienen ist.

Das Buch ist eine Art Adventskalender, der jedoch den Weihnachtsbogen bis zu Epiphanias, bis zum Dreikönigstag am 6. Januar, spannt. Zu jedem Tag finden sich in diesem Kleinod Gedanken von ihr, zum Tag passende Zitate aus Poesie und Mystik, und je ein Impuls mit der Überschrift «Kleiner Moment Seelenzeit».

Im Vorwort schreibt sie dazu: «Wie sorgt man dafür, im Trubel der Advents- und Weihnachtszeit die eigene Seele nicht zu vergessen und die Verbindung zur innersten Mitte nicht zu verlieren? Dafür ist dieses Buch da.» Ihr ist erneut ein Juwel gelungen, das in unseren dunklen Zeiten besonders schön leuchtet. Ein Advents- und Weihnachtsbuch mit viel Seelennahrung. (Rez: Samuel Jakob)

Der Psychologe Markus Theunert bringt uns in «Jungs, wir schaffen das» (Kohlhammer GmbH, Stuttgart 2023) in beeindruckender Verdichtung und sprachlicher Eloquenz näher, wie Mannsein jenseits der patriarchalen Strukturen ginge, und ich habe dieses Buch auch als Frau und Feministin mit Hochgenuss gelesen. Nicht etwa, weil ich finde, die Männer sollten sich einfach endlich, endlich ändern, damit die Welt ein besserer Ort wird, sondern es geht auch uns Frauen mit unseren eingefleischten Mustern ziemlich viel an, wenn wir gewohnheitsmässig den privilegierten weissen cis-Mann als Referenz nehmen für das, was unter der viel beschworenen Gleichstellung anzustreben ist. Nichts da, nada, der Leiter von maenner.ch rollt die historischen Gründe der bisherigen Geschlechterrollen auf, und wir erkennen dabei bald, wie wir alle in diesen verkrusteten schädlichen Strukturen und verinnerlichten Bildern gefangen sind. Theunert gewährt uns dabei berührende Einblicke auch in seine persönliche Geschichte, und er gibt viele Übungen an die Hand, wie wir uns selber besser wahrnehmen können und uns und unserem wahren Wesen dabei näherkommen, worum es in der Tiefe eben geht. Dieses wertvolle Buch ist für mich nicht nur ein Kompass, sondern ein Meilenstein, wie wir ein neues Bewusstsein von Menschsein entwickeln können, und ich empfehle es daher vorbehaltlos allen zur Aufklärung, und das durchaus auch im Sinne von «gönn dir das als Mensch»! (Rez: Rébecca Kunz)

Lena Lindgren hat das Kunststück fertiggebracht, einen Essay zu schreiben, der jene für uns «User» schwer zu fassenden Fixpunkte der Informationsgesellschaft so miteinander verbindet, dass ein schlüssig nachvollziehbares Gesamtbild entsteht. Die norwegische Journalistin reist scheinbar naiv ins Zentrum des Internets und mischt sich im Silicon Valley unter die Touristen. Beim Hauptsitz der Firma Palantir bittet sie am Empfang um einen Gesprächstermin mit Peter Thiel. Unmöglich. Der grosse Investor und Strippenzieher hinter Facebook und den Überwachungsnetzen der US-Geheimdienste ist unabkömmlich.

Macht nichts. Lena Lindgren gewinnt ihre Einsichten auch ohne die persönliche Begegnung mit einem der Hauptakteure hinter den Algorithmen, die unsere Aufmerksamkeit so erfolgreich umgarnen. Orientierung bieten der antike Mythos von Narziss und Echo, die Theorien des Stanford-Professors René Girard, bei dem sich Peter Thiel seine Inspiration holte, und ein hellwacher Verstand, der die Autorin scheinbar frei schweifend zu hellsichtigen Erkenntnissen führt. Dieses kurze Buch nährt nachhaltiger als jahrelanges Surfen auf den Wellen von Social Media. (Rez: MF)

Als «Dschungelkind» bezauberte sie Millionen in aller Welt; Sabine Kuegler erzählt in dem Bestseller und im gleichnamigen Film die Geschichte ihrer Kindheit, die sie als Tochter deutscher Missionare bei einem bis dahin unbekannten Stamm auf Westpapua verbrachte. Mit 17 kam sie in ein Internat in der Schweiz, in Europa wurde sie Mutter von vier Kindern, in weiteren Werken machte sie sich stark für den Schutz der Indigenen und deren Lebensraum. Mit dem etwas sperrigen Titel ihres neuen Buches «Ich schwimme nicht mehr da, wo die Krokodile sind» (Westend, Frankfurt/M 2023) bezieht sie sich zwar auf eine Erfahrung aus der Kindheit, doch im Mittelpunkt steht das Wohl und Weh der Autorin von heute, die vor rund zehn Jahren schwer erkrankte und im Westen weder Diagnose noch Kur für ein parasitäres Leiden finden konnte, welches ihr zunehmend das Leben raubte. Die Suche nach Heilung führte sie zurück zu indigenen Stämmen in Indonesien und Ozeanien, wo sie geschlagene fünf Jahre verbrachte, bis sich auf den letzten Drücker und unter schwer nachvollziehbaren Umständen tatsächlich eine Medizin für sie finden liess. Sinnigerweise verhalf ihr dieser verschlungene Pfad nicht bloss zu körperlicher Gesundheit, sondern auch zu einer entscheidenden Klärung der eigenen Identität zwischen Stammeszugehörigkeit und Persönlichkeit. (Rez: MF)

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