Ich mag es nicht, wenn mir als Leser vorab erklärt wird, wie ich ein Buch zu verstehen habe. Bei Johannes Heil ist das anders. Und es fällt mir schwer zu sagen, warum ich die vollmundige Ansage hier hinnehme. Vermutlich, weil sie gar nicht vollmundig ist, sondern mir nur so erscheint.
In einem der ersten Gedichte steht: «Dieses Buch ist ein Spiegel. / Und du wirst nur das sehen, / was du zu sehen bereit bist». Das könnte blosse Behauptung sein. Oder bedeutende Einsicht. Eine mystische Kunst der Verknappung und des Erwachens. Wofür ich im Verlaufe der Jahrzehnte ein Musikgehör entwickelt habe, wie ich beim Lesen dieser Gedichte mit Freude feststelle.
«Die Öffnung» (Chalice, Xanten 2026) besteht aus 3 Kreisen von 43 Gedichten, die sich über je eine Seite erstrecken. Egal wo ich es aufschlage, spricht mich dieses Werk direkt und unvermittelt an. Die Lektüre gibt mir nicht unbedingt zu denken, vielmehr bewirkt sie eine Bewegung hin zur Offenheit für das, was hinter den Worten steht. Das ist bemerkenswert, vor allem auch, weil ich bei weitem nicht der einzige Leser bin, dem es mit diesem Buch so ergeht.
A propos Musikgehör: Johannes Heil hat sich zuvor als Künstler einen Namen gemacht im Bereich der elektronischen Musik. Die Worte zu einem Werk wie diesem seien ihm später zugeflossen. Dass die Musik hier als ordnende Struktur eine Rolle spielt, verrät die Folge der Kapitel und die Gliederung der Gedichte zu kleinen Untergruppen, die quer durchs Werk hüpfen. Kreativ, das einzigartige Buch des Musikproduzenten Rick Rubin, kommt mir den Sinn. Möge «Die Öffnung» ebenso viele Menschen erfreuen! (Rez: Martin Frischknecht)