Offener Brief an Willigis Jäger

Lieber Pater Jäger

Vor kurzem hörte ich am Ende eines einwöchigen Zen-Sesshin die Nachricht, dass Ihnen die Kirche die Lehrerlaubnis entzogen hat. Sie mögen sich sicher noch an unseren Briefwechsel vor Jahren erinnern, in dem ich ein paar kritische Fragen zum Thema katholische Zenmeister in die Diskussion setzte. Scheinbar lag ich mit meiner Analyse richtig, denn ich behauptete schon damals, dass der Katholizismus und die Position eines ROSHI zu einem unüberbrückbaren Widerspruch führen. Wie sagte doch Eugen Drewermann in seinem Buch "Glauben in Freiheit": " ... es besteht nicht die geringste Möglichkeit, innerhalb der versteinerten Form des römischen Katholizismus über eine Kluft von mehr als fünf bis sechs Jahrhunderten ausgerechnet dort wieder anknüpfen zu wollen, wo die katholische Kirche niemals ernsthaft ihre eigene Erneuerung festmachen wollte. Mystik - das ist: dass die Wahrheit Gottes im Menschen selbst liegt; Kirche, wie wir sie haben, das ist: dass die Wahrheit Gottes im römischen Lehramt liegt. Mystik - das ist: dass Gott zum Menschen unmittelbar spricht; Kirche wie wir sie haben, das ist: dass Gott nur mittelbar durch den Mund seiner päpstlichen und bischöflichen Amtsinhaber dem Menschen sich 'mitteilt'. Mystik - das ist: der unvertauschbare Vorrang des Einzelnen vor dem Kollektiv; Kirche wie wir sie haben, das ist: der absolute Vorrang des Kollektivs vor dem Individuellen. - Wieder also: man kommt nicht umhin, hier zu wählen; wo das eine ist, kann das andere nicht sein. S 194 ( Von mir unterstrichen!)

Die nachfolgenden Aussagen aus Ihrer Feder, bestätigen letztendlich meine Schlussfolgerungen:

" ... Zwar werden alle diejenigen in der Kirche bleiben, die ein dogmatisches Gerüst brauchen, um sich im Besitz der von ihnen ersehnten Heilsgewissheit fühlen zu dürfen." S 74

" ... Denn ein weiteres Problem der Kirchen besteht ja darin, dass auch das von ihnen propagierte Gottesbild von einer überholten Weltsicht geprägt ist." S 23

" ... In der Tat scheut sich die grosse Mehrheit der Theologen davor, das Dogma vom Opfer- beziehungsweise Sühnetod Jesu zu vertreten. Dennoch ist es fest im Fundament des christlichen Glaubens verankert. Denken Sie nur an die Karwochenliturgie unserer Kirchen. Natürlich können Sie sagen, dass die Schultheologie und die Verkündigung in der Gemeinde auseinander klaffen, Aber gerade dieser Widerspruch belastet das zeitgenössische Christentum immens: Ihm fehlt eine allgemein verbindliche Christologie - eine Lehre, die für jeden Gläubigen nachvollziehbar Auskunft darüber gibt, wie das Wirken und Sterben Jesus von Nazareth verstanden werden kann." S 88

" Eine mystische Erfahrung ist eine Urerfahrung und wer sie macht, kann damit nicht an sich halten.(?) Er muss sie artikulieren, und er wird sie auf eine Weise artikulieren, die seiner Persönlichkeit entspricht. Aber genau das können religiöse Institutionen nur schwer akzeptieren. Deshalb haben die christlichen Kirchen die Mystiker und Mystikerinnen dazu gezwungen, ihre Erfahrungen zu redogmatisieren. Wer sich dagegen wehrte, musste damit rechnen, als Häretiker verfolgt und schlimmstenfalls verbrannt zu werden. So waren etwa Marguerite Porete, Girordano Bruno oder Miguel de Molinos Menschen, die ihre mystischen Erfahrungen angeblich nicht dogmengemäss formulierten und dafür grausam bestraft wurden. Dieses Muster lässt sich in allen theistischen Religionen finden, auch im Islam. Denn sie beanspruchen für sich eine unmittelbar von Gott geoffenbarte Wahrheit, neben der jede andere Form der Gotteserfahrung zur Häresie wird." S 70Von mir hervorgehoben !

Sie erfahren also nun am eigenen Leib wie das System funktioniert. Das Lehrverbot mag für Sie schmerzlich sein, aber für die Glaubenshüter der einzig wahren Kirche und Lehre gab und gibt es keine Alternative, denn Ihre Interpretation des christlichen Glaubens widerspricht eindeutig dem vom Heiligen Geist geführten und inspirierten Lehramt. Sie wissen wie jeder Insider auch, dass es nach katholischer Theologie kein Heil ausserhalb der Kirche gibt und die Wahrheit ein für allemal in der Bibel und in der Tradition der Kirche geoffenbart wurde. Immerhin haben Sie, wie jeder andere Kleriker auch, auf diese Tatsache ein Gelübde abgelegt. Ihre Pflicht und Berufung als katholischer Geistlicher ist demzufolge, ganz klar und eindeutig die katholische Lehre und deren unfehlbare Wahrheiten zu vertreten. Soweit Ihre Verpflichtung gegenüber der röm. Kirche und der Glaubenskongregation.

In der "Fuldaer Zeitung" lese ich, dass Sie die Entscheidung der Glaubenskongregation akzeptieren, dann aber die Glaubenswächter darum bitten, auf der Ebene der persönlichen Begleitung weiter tätig sein zu können. Herr Jäger, Sie sind doch bekannt geworden als Roshi, als Zenmeister, und als solcher haben Sie doch keine Vorgesetzen mehr über sich !! Als Roshi vertritt man höchstens eine spezifische Linie, kann aber auch eine neue gründen. Vor Wem und vor Was beugen Sie sich denn? Wo ist Ihre vielgepriesene Transkonfessionalität, Ihr transreligiöser Weg, wenn Ihnen ein paar römische Gotteswissenschafter die Lehrerlaubnis entziehen können und Sie dies sogar akzeptieren? Ich weiss nicht, ob man heulen oder lachen soll !! Ihre Aufgabe und Pflicht, Ihr Swadharma als Roshi, als Meditationsmeister, ist es auf der Seite Ihrer Schüler zu stehen und sie als Begleiter zu führen. Wo ist Ihre Integrität, Ihre religiöse Unabhängigkeit? Sie bestätigen mit Ihrem Verhalten ganz klar und eindeutig wie berechtigt meine Kritik gegenüber kath. Zenmeistern ist. Herr Jäger, es geht in dieser Debatte um Glaubwürdigkeit, um religiöse Freiheit, um Moksha!

Sie erwähnten letzthin in einem Interview mit Bernhard Schwebinger (Februar 2002) " dass wir in der christlichen Mystik ein Äquivalent besitzen und dass eigentlich niemand zu Zen und Yoga gehen müsste, wenn dieser Weg gelehrt würde." Mein Gott, warum lehren Sie und Ihre Priesterkollegen denn nicht diesen Weg und überlassen Zen und Yoga überzeugten Buddhisten und Yogalehrern oder immerhin solchen Leuten die imstande waren, sich von der monotheistischen Indoktrination abzunabeln? Sie sagen ja selber: " Ich halte es für ganz wichtig, in den vielfach bewährten spirituellen Traditionen zu bleiben." S 62

" Wer in seiner eigenen religiösen Tradition den mystischen Weg findet, braucht sich nicht in anderen Religionen umzuschauen. Allerdings ist das in unserer heutigen christlichen Frömmigkeit ausserordentlich schwer. Kontemplation wird nicht gelehrt. Weder gibt es mystische Lehrer noch spirituelle Wege, die von vornherein auf die Erfahrung des Göttlichen abzielen. Wer das sucht, hat meist keine andere Wahl, als in einer andern religiösen Tradition umzusehen." S 64 (Diese Aussage machten Sie noch im Jahre 2000!!!)

Sie erwähnen öfters, dass Sie einen transkonfessionellen Weg lehren. Nichts brauchen wir so sehr im Westen als einen mystischen Raum ausserhalb klerikaler Glaubenswächter und theologischer Zwangsjacken.

" ... Die Konfessionen sind Anlaufstellen; sie sind Schwellen, über die viele Menschen auf den spirituellen Weg gelangen. Darin haben sie ihren Wert, der nicht dadurch geschmälert wird, dass man auf dem spirituellen Weg irgendwann an einen Punkt kommt, an dem die Konfessionen überschritten werden. " S 63

" ... Im Buddhismus und Hinduismus kennt man keine Glaubenskongregation, die den Menschen vorschreibt, was sie zu glauben haben. Die Religion erneuert sich immer wieder aus der Erfahrung der Weisen und der Mystiker." S 8

"Während im Osten die mystische Erfahrung immer Mitte und Ziel der Religionen war, konnten sich mystische Strömungen im Westen nicht frei entfalten, weshalb sie sich dann oft ausserhalb der organisierten Kirchen und Bekenntnisse ansiedelten." S 38

" Der mystische Mensch muss sich nicht einer Konfession zurechnen. Die konfessionsgebundene Mystik ist zwar die bekannteste, aber nicht unbedingt die bedeutsamste. Mystiker und Mystikerinnen die sich keiner Religion zuzählen, konnten sich viel freier ausdrücken." S 182 ( Die zwei obenstehenden Sätze sind aus Ihrem Buch "Suche nach dem Sinne des Lebens")

Herr Jäger, und Sie als Roshi, mit Ihrer Einsicht und Weisheit, akzeptieren ein Lehrverbot?

Hoffnung besteht ja immer. Und ich hoffe - sollten Sie sich für ZEN entscheiden - dass Sie den Mut aufbringen Ihren (noch)Vorgesetzten und dem ganzen katholischen Dogmengebäude im Namen einer transkonfessionellen Spiritualität zuliebe ein für alle mal Adieu zu sagen. Zur Erinnerung die Aussage von Wilhelm von Humboldt: " Der Kirchenaustritt all jener, die überzeugungsmässig mit der Kirche gebrochen haben, ist nur ein Schritt aufrechter Gesinnung."

Zum Schluss doch noch ein paar tröstende und anerkennende Worte:

"Glaubt doch nicht, dass Ketzereien durch ein paar hergelaufene kleine Seelen entstehen könnten. Nur grosse Menschen haben Ketzereien hervorgebracht " Augustinus

Herr Jäger, mögen Sie in die Geschichte als grosser Ketzer und nicht als ein mutloser Ducker und Kriecher eingehen...

Mit besten Grüssen

Garibaldi, Marcel Rey, Zermatt

Zitate aus dem Buch: Die Welle ist das Meer von Willigis Jaeger




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