Frühling 2014/111

Amma: Schatten einer Heiligen

Sie hat zahlreiche Hilfswerke begründet und Millionen umarmt. Doch eine ehemalige Schülerin, die sie aus nächster Nähe kennt, hat schwere Vorwürfe gegen sie erhoben. Ist Mata Amritanandamayi eine Heilige oder eine Betrügerin?



Warum? Warum nur beschäftige ich mich wieder mit so viel Eifer mit diesem Thema? «Guru stürzt vom Thron» – hatten wir das nicht schon mal, kommt es einem nicht sehr bekannt vor? Aber sicher. Wenn ich zurückblicke auf meine dreissig Jahre Journalismus im Bereich Spiritualität ist das so etwas wie ein Dauerbrenner. Wieder und wieder habe ich Meister und Gurus journalistisch begleitet, die von einer Schülerschaft verehrt wurden, als wären sie vom Himmel gesandte Leuchten, um uns auf diesem an Schatten reichen Planeten den Weg aus der Düsternis zu weisen. Vielen dieser Lichtgestalten bin ich persönlich begegnet, habe sie in ihrem Strahlen beschrieben. Und wenn andere, weniger schöne Seiten an ihnen zutage traten, so habe ich auch darüber nicht geschwiegen.

Sehr zum Entsetzen der Schülerschaft, deren freudige Zuwendung mir gegenüber sich über Nacht in Ablehnung wandelte, aber auch zum Unverständnis der gesamten spirituellen Szene. Unangenehme Wahrheiten, die ich für wesentlich halte, gelten anderen als bedauerliche Kleinigkeiten, über die besser hinweggesehen und geschwiegen würde. Selbst Berufskollegen von mir mit eigenen Zeitschriften schütteln den Kopf und machen deutlich, dass sie mir in der Hinsicht nicht folgen können. Jetzt kommt der wieder mit seinem «Guru-Bashing», lautet der Tenor, und mir wird signalisiert, dass wohl eher ich es bin, der hier ein Problem hat, nicht aber die spirituellen Lehrer.

 

Kollateralschäden?

Von den Problemen bei Amma habe ich erfahren, kurz nachdem die indische Meisterin im vergangenen Herbst in der Schweiz war. Der Mann, der mich auf die entscheidende Informationsquelle aufmerksam machte, wandte sich später entsetzt von mir ab, als er merkte, wie viel Glaubwürdigkeit ich in einem Interview jener dissidenten Stimme aus dem unmittelbaren Umfeld von Mata Amritanandamayi beimass. So hatte er seinen Hinweis nicht gemeint. Nun, da er sah, was bei mir daraus geworden war, tat es ihm leid, mich überhaupt informiert zu haben.

Was Gail Tredwell, die Aussteigerin nach schier zwanzig Jahren als Ammas persönliche Dienerin, in ihrem selbstbezogenen Rückblick breitschlage, das seien nichts weiter als «zu vernachlässigende Kollateralschäden», die «Bobos» einer westlichen Frau, die mit den zuweilen harschen indischen Verhältnissen nicht zurechtgekommen sei. Allerdings betonte mein Informant auch, dass er sich dem «typisch indisch-gnadenlosen Regiment in Ammas Ashram» selber nie unterziehen würde. Mit Gurus kennt er sich zwar aus naher Beobachtung aus, doch hat er sich als Schüler nie einem solchen Lehrer anvertraut.

 

Dissidente Lektionen

Ich durfte mir vorkommen wie ein Trampeltier, das von den Feinheiten einer Guru-Schüler-Beziehung keine Ahnung hat. Vielleicht ist das so. Allerdings habe ich mir meine Einsichten in diese Art von Beziehung durch eigene Anschauung erworben. Ich war jahrelang mit einem amerikanischen Zen-Mönch unterwegs, den ich übersetzte und organisierte. Ich habe diesen beeindruckenden Mann als unkonventionellen Rebellen kennengelernt und aus nächster Nähe dabei begleitet, wie er zum autoritären Lehrer einer wachsenden Anhängerschaft mutierte, die sich auf ihn einschwor, bis der eine oder andere unter Getöse von ihm abfiel.

Für mich war das eine problematische, zugleich aber eine lehrreiche Erfahrung. Ich rede mir das nicht im Nachhinein schön. Ich meine es so, wie es hier steht. Ich habe dabei etwas gelernt, was ich sonst nicht hätte lernen können. Allerdings waren die wesentlichen Lernschritte so im Plan der Lehre nicht vorgesehen. Die entscheidenden Lektionen auf diesem Schulungsweg hatte ich selber zu finden, die nötigen Schritte selber zu gehen. Wäre ich der brave Schüler und Anhänger geblieben, der ich zunächst zweifellos war, hätte ich diese Lektionen verfehlt. Hätte ich mich auf den Zen-Mönch, und das, was er zu bieten hat, nicht eingelassen, so wäre mir zwar eine Menge Ärger erspart geblieben, aber ich hätte auch kaum ein Sensorium entwickelt für zentrale Fragen des spirituellen Weges.

Dadurch kann ich mich mit einer Aussteigerin so gut verständigen wie mit einer Anhängerin, die Amma als Verbindungsfrau für Europa seit Jahrzenten treu ergeben dient. Weil ich weiss, wie es sich anfühlt und worum es dem einen wie dem andern geht. Am liebsten würde ich beide Seiten an einen Tisch bringen und ein Gespräch moderieren. So weit sind wir aber (noch) nicht. Stattdessen stehen ungeheuerliche Vorwürfe im Raum, und über unserer Berichterstattung hängt das Damoklesschwert juristischer Klagen, die uns vom Amma-Ashram angedroht worden sind.

 

Skandal!

Aber das ist doch ein Skandal! Genau. Wer die Begriffe «Amma» und «Skandal» in einer Suchmaschine des Internets eingibt, landet auf mehreren einschlägigen Websites, die das Thema ausführlich behandeln. Allesamt stellen sie in Abrede, was Gail Tredwell zu sagen hat, und führen Gegenangriffe auf die Australierin, die heute weitab vom Schuss auf Hawaii lebt. Manch einer dieser Texte wurde verfasst von Menschen, die seit Langem zum inneren Kreis des Ashrams in Kerala gehören und Gail Tredwell dort persönlich erlebt haben, als sie in den 80er- und 90er-Jahren an leitender Stelle tätig war.

Als «character assassination» wird diese Form der Diffamierung bezeichnet, das hinterhältige Fertigmachen einer Person durch deren öffentliche Blossstellung. Amma selber, so wird vom Ashram versichert, habe damit nichts zu tun. Sie liebe ihre einstige Schülerin und wünsche ihr nur das Beste. Die Menschen, die seit Jahr und Tag um die Heilige versammelt sind, scheinen von weniger erhabenen Gefühlen umgetrieben, zumindest dann, wenn sie sich an die Aussteigerin erinnern. Mit Hingabe breiten sie aus, was sie Nachteiliges über jene Person wissen, die sie einst als ihre Vertraute oder als ihr Vorbild betrachteten. ....

Von Martin Frischknecht

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Literatur: Gail Tredwell: Holy Hell, Wattle Tree Press, erhaltlich bei www.amazon.de





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