Von: Martin Frischknecht
Herbst 2016/121

Interview mit Sabine Mehne: Die Erleichterte

Seitdem sie an der Schwelle des Todes stand und eins wurde mit Licht, hat Sabine Mehne keine Angst mehr vor dem Sterben. Die Integration der Nahtoderfahrung forderte der Mutter von drei Kindern viel ab. Eine Begegnung von Licht, Leichtigkeit und Erleuchtung


Von: Martin Frischknecht

© Eva Speith, Lichtbildatelier Darmstadt

Sie haben vor rund zwanzig Jahren im Verlaufe eines gesundheitlichen Zusammenbruchs ein Nahtoderlebnis gehabt. Was ist Ihnen da zugestossen?

Sabine Mehne: Ich war damals nicht klinisch tot, sondern steckte in einer sehr schweren gesundheitlichen Krise, die später die Diagnose Krebs nach sich zog. Mir ging es über ein halbes Jahr lang richtig schlecht, ich war schwer krank, hatte hohes Fieber und erlitt schwere Schmerzen. Der Verdacht, dass ich Krebs hatte, wurde erwogen, doch die histologischen Befunde waren nicht eindeutig, was für die Mediziner sehr sonderbar war.

Für mich war sonderbar, dass ich beim Auftreten der ersten Symptome eine Vorahnung hatte, die lautete, diese Krankheit habe den Tod im Gepäck. Es war eine innere Ansage von derart hoher Intensität, dass es mir nicht möglich war, sie zu ignorieren.

War das ein Traum, eine innere Stimme – was soll ich mir vorstellen?

Ich kenne das von mir. Es ist eine innere Stimme, die eine ganz besondere Präsenz hat. Wenn ich da hinspüre und es sich in seiner Intensität wiederholt, weiss ich, dass ich mich damit befassen muss. Ich war damals 38, also noch recht jung, arbeitete selbständig als Physiotherapeutin, und unsere Kinder waren noch sehr klein. Das heisst, es war sehr unbequem, diese Botschaft zu vernehmen. Im Rückblick bin ich jedoch sehr dankbar, dass ich es ernst genommen habe und die Möglichkeit zu sterben in Betracht zog. Das entsprach auch der Heftigkeit meiner Krankheit, spielte sich aber alles in meinem Innern ab, während ich nach aussen hin versuchte, es nicht zu zeigen. Ich wollte stark und tapfer sein, wie man so schön sagt. Aber in mir drin habe ich mich auf die Möglichkeit zu sterben eingestellt, weil ich es mit einer solchen Eindringlichkeit spürte.

Das klingt befremdlich, aber ich konnte nicht anders. Ich habe innerlich Stück für Stück von meinem Leben Abschied genommen, und daraus erkläre ich mir auch, dass ich damals plötzlich aus dem Körper ausstieg. Dieser Ausstieg geschah oben aus dem Kopf. Mit einem Ruck war ich ausserhalb meines Körpers. Das Überraschendste war, dass es so leicht und so schnell ging, dass es das Normalste von der Welt war. Und dass ich gleichzeitig, obwohl ich wusste, ich liege da unten und kann auf mich herabsehen, mich lebendiger gefühlt habe als jemals zuvor.

Die Tatsache, dass mein Bewusstsein nicht mehr an meinen Körper gebunden war, schenkte mir eine Form des Bewusstseins und der Freiheit, wie ich sie nie zuvor besessen hatte, die aber so eindeutig, so überwältigend und klar war, dass ich auch heute noch überzeugt bin, dass diese Dimension das eigentliche Leben ist. Ausserhalb des Körpers zu sein, schenkte mir dann auch die Erkenntnis, dass ich völlig frei bin und dass ich dieses Thema der Dualität hinter mir gelassen habe. Im irdischen Kontext stecken wir immer in der Dualität. Hell und dunkel, laut und leise, gut und böse – wir leben immer in diesen Unterschieden, und die waren auf einmal alle weg. Es war alles gleichzeitig möglich.

Und doch gab es diese Dualität von Ihnen als Beobachterin und unter sich die Körperhülle, auf die Sie schauten.

Das war in diesem ersten kurzen Moment so. Doch als ich eins wurde mit Licht, war das nicht mehr der Fall. Auf der einen Seite wurde ich vom Licht wie geholt, auf der anderen Seite war es ein riesiger Sog, und es gab überhaupt keine Chance, dem zu entkommen. Dazu hatte ich allerdings auch gar kein Bedürfnis, denn ab dem Moment, in dem ich den Körper quasi hinter mir gelassen hatte, war ich von diesen wahnsinnigen Schmerzen befreit. Ich hatte das Gefühl, diesen Körper gar nicht mehr zu brauchen. Er war abgelegt, wie man einen Mantel ablegt.

Sie lachen, wenn Sie das sagen. Sind Sie auch aus einem Gefühl der Verantwortung gegenüber Ihrer Familie ins Leben zurückgekehrt?

Bevor ich darauf antworte, möchte ich noch ein bisschen von dem Licht erzählen. Das Licht, dem ich begegnet war und in dem ich aufging, ist nicht zu vergleichen mit dem Licht, das uns vertraut ist und wir mit unseren Augen wahrnehmen können. Dieses Licht war alles. Es war die Freiheit, es war die bedingungslose Liebe, und es war für mich eine Gestalt des Lebens, aber eben nicht mehr in einer irdisch gebundenen Form. Dadurch bin ich zur Überzeugung gelangt, dass wir, wenn wir sterben und den Körper verlassen, weiterhin leben, aber in einer anderen Weise, die wir uns im irdisch Gebundenen einfach nicht vorstellen können.

Als Leben würde sich das wohl kaum noch definieren lassen.

Wenn wir nicht in solche bewusstseins-erweiternden Momente finden, ist das, was wir an irdischem Leben haben, für uns alles, was ist. Für mich war das nicht anders.

In dem Licht spürte ich auch eine ganz, ganz grosse Liebe, wie ich sie so auf der Erde nicht kannte, obwohl mein Leben nicht lieblos verlaufen war. Es ist schwer, dafür überhaupt Worte zu finden, denn eigentlich ist es ein sprach- und begriffsloser Raum. Es war auch das Gefühl: Ich bin gut und richtig, so wie ich bin. Das ist auch etwas, was wir uns im Irdischen oft nicht trauen zu glauben oder von uns zu denken: dass wir gut sind, so wie wir sind.

Dieses raum- und zeitlose Sein führte bei mir auch dazu, dass ich tatsächlich das Gefühl nicht losgeworden bin, meine Identität sei mit dem Licht verschmolzen. Das kleine Ich, das wir manchmal auch Ego nennen und von dem viele versuchen, es in der Meditation loszuwerden, dieses Ich ist mit dem Licht eins geworden. Das ist ein Zustand, der ist unbeschreibbar schön.

Sie sprechen von Momenten. Kennen Sie die konkrete Zeit, wissen Sie, wie lange Ihr Nahtod-erlebnis nach irdischem Massstab gedauert hat?

Wenn ich versuche, es mit meinem Verstand zu rekonstruieren, würde ich sagen, es waren maximal drei Minuten.

Erfahrungen des Einswerdens, Aufgehen in einem «Licht ohne Schatten», wie Sie es im Titel Ihres ersten Buches bezeichnen – in diesem Zusammenhang wird meist von Erleuchtung gesprochen. Würden Sie das gleichsetzen?

Sich selber als erleuchtet zu bezeichnen, das ist natürlich schwer (lacht). Hierbei geht es um eine hohe Gnade, aber ich denke schon, dass es in einer gewissen Weise zutrifft. Wir stellen uns erleuchtete Menschen vielleicht so vor, dass die nur noch in einem Kloster leben und sich mit dem Licht beschäftigen. Das kann ich gut verstehen, und ich hatte auch Phasen, in denen ich dachte, nur noch so leben zu können.

Doch als ich begriff, was ich da erlebt hatte, setzte ich mich gründlich damit auseinander, und mir war bei alledem klar: Mein Weg ist meine Familie und diese drei Kinder. Ich kann unmöglich meine Familie verlassen, nur um dem Licht ganz zu dienen. Meine Kinder waren noch sehr klein, durch die Krankheit mussten sie mich ohnehin lange entbehren; da war es mir das höchste Bedürfnis, ihnen wieder Schutz und Geborgenheit zu schenken.

Es hat lange gedauert, bis ich gesundheitlich wieder einigermassen stabil war, und ich habe wirklich sehr lange gebraucht, bis ich mein Ich wiedergefunden habe. Es hatte sich aufgelöst, ich musste es in mir finden und stabilisieren, denn ohne dieses Ego kann man keine physische Kraft entfalten. Das hat mir sehr zu schaffen gemacht, und um das zu leisten, habe ich auch Hilfe in Anspruch genommen. Ich habe Körper- und Traumatherapie gemacht, und dabei habe ich das Glück gehabt, keinem Scharlatan zu begegnen. Ich höre immer wieder von anderen Nahtod-Erfahrenen, dass sie in ihrer Sehnsucht nach dem Licht esoterischen Scharlatanen auf den Leim gehen, bei denen sie viel Geld lassen. Man ist am Anfang voller Liebe und Licht und denkt, das müsse jetzt überall sein. In einer solchen Verfassung ist man sehr ungeschützt und bringt jedem bedingungsloses Vertrauen entgegen.

Weiter im Text in SPUREN Nr. 121, Herbst 2016.
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Grosser Abflug und Kongress

In Licht ohne Schatten berichtete Sabine Mehne eindrücklich von ihrem Nahtoderlebnis und den Folgen. Die Darmstädter Physiotherapeutin steht in regem Austausch mit Fachleuten wie dem niederländischen Arzt und Forscher Pim van Lommel und engagiert sich bei internationalen Tagungen und Kongressen. In ihrem neuen Buch Der grosse Abflug (Patmos Verlag, Ostfildern 2016) beschäftigt sie sich vertieft mit Themen wie der Rückschau im sogenannten Lebensfilm, mit der allgemein verbreiteten Angst vor dem Tod und ihrem Verhältnis zur Religion.

In Greifswald an der Ostsee kommt es im Herbst 2016 zur interdisziplinären Fachtagung Grenzarbeiten auf der Nulllinie. Vom 6. bis 8. Oktober tauschen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen ihre Erkenntnisse aus und suchen nach übereinstimmenden Aussagen.

Kontakte: Sabine Mehne: www.licht-ohne-schatten.de
Schweizer Zweig der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung von Nahtoderfahrungen: www.swiss-iands.ch
Tagung in Greifswald:
www.wiko-greifswald.de





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